Als Nicolai Klewinghaus den Ball über die Frankfurter Abwehr setzte, ihm hinterherjagte und ihn wieder einfing, sah das Finale für einen Moment aus, als könne es sich der Saisonlogik entziehen. Der SC Frankfurt 1880, diese in der Bundesliga meist so unhöflich überlegene Mannschaft, war in Ricklingen plötzlich nicht mehr nur Favorit, sondern beschäftigt. Der Sommerregen hatte den Ball glatt gemacht, die Heidelberger Tackles hatten Gewicht, und Klewinghaus’ Kickspiel gab dem Außenseiter jene kleine Dosis Unordnung, die ein Endspiel braucht, wenn es mehr sein soll als die formale Übergabe einer Trophäe.

Am Ende gewann Frankfurt 35:10 gegen den SC Neuenheim. Das klingt klar, und es war es zuletzt auch. Aber die Zahl verschweigt die erste Hälfte, in der Neuenheim den Meister zwang, sich an diesem Nachmittag erst zu vergewissern, wer er eigentlich ist. Byron Schmidt, der Trainer der Frankfurter, sprach später von einem Spiel, das „wahrscheinlich nicht perfekt“ gewesen sei. Er verwies auf die Anreise, auf den Bus, darauf, dass Neuenheim schon am Vortag gekommen war. Das klang nicht wie eine Ausrede, eher wie der Versuch, die ersten zwanzig Minuten zu sortieren. „Sie haben uns unter Druck gesetzt. Wir haben ein, zwei Fehler gemacht, und sie haben sie genutzt“, sagte Schmidt.
Neuenheim nutzte sie mit bemerkenswerter Klarheit. Die Mannschaft von Alexis Michel verteidigte diszipliniert, sie kickte gut, sie nahm Frankfurt an der Kontaktzone den gewohnten Komfort. In der Bundesliga hatte Frankfurt in dieser Saison oft gewirkt, als müsse man ihm nur den Ball geben und dann das Unvermeidliche abwarten. In Ricklingen wartete zunächst niemand brav. Der SCN spielte mit Biss, und zwar nicht mit jenem dekorativen Biss, den Verlierer nachträglich gern für sich reklamieren, sondern mit greifbarer Wirkung: dominante Tackles, saubere Gassen trotz der wiederkehrenden Schauer, ein Kickspiel, das Frankfurt wiederholt zurückdrängte.
Michel sagte nach dem Spiel, es sei „trotz des Ergebnisses ein sehr gutes Spiel und ein sehr guter Tag“ für Mannschaft und Klub gewesen. Man sei enttäuscht, „natürlich“, aber er sei „unglaublich stolz“ auf seine Spieler, auf dieses Team, auf diesen Verein. Das war keine Schutzbehauptung. Neuenheim hatte mit seinen „besten Waffen“ gespielt, wie Michel sagte: „Wir haben mit Herz gespielt. Wir haben alles gegeben, was wir auf dem Feld hatten.“ Man sah es besonders in jenen Szenen, die auf keinem Ergebnisbogen stehen. Leo Becker, der kleine Neuner des SCN, setzte ein Tackle, das in seiner Wucht größer war als seine Statur. Solche Momente gewinnen keine Finals. Sie verhindern aber, dass Niederlagen hohl klingen.
Frankfurt blieb in dieser Phase erstaunlich ruhig. Das war vielleicht der deutlichste Unterschied zwischen einer sehr guten Mannschaft und einem Meister. Edoardo Stella, sonst ein verlässlicher Fuß, ließ ungewöhnlich viele Punkte liegen, Erhöhungen und Straftritte gingen daneben. Der Ball war rutschig, aber Frankfurt hatte genug Substanz, um sich nicht an den eigenen Unsauberkeiten festzusehen. Das Gedränge arbeitete, die Gasse blieb stabil, das Maul wurde zum Frankfurter Argument: schwer, methodisch, wenig romantisch. Also sehr wirksam.
Gegen Ende der ersten Halbzeit verschoben sich die Kräfte. Eine Gelbe Karte gegen Neuenheim, dazu eine Verletzung in der zweiten Reihe und vor allem der Ausfall Klewinghaus’ nahmen dem Außenseiter nicht den Willen, aber Qualität und Struktur. Michel sprach später von Pech bei Verletzungen und „vielleicht bei ein paar Entscheidungen“, ohne daraus eine Anklage zu machen. „Die erste Halbzeit war sehr eng, und wir haben wirklich gute Arbeit geleistet“, sagte er. „Aber in der zweiten Halbzeit hat Frankfurt uns komplett dominiert.“ Das war die nüchterne Wahrheit eines Trainers, der keine Trostlandschaft errichten wollte.
Frankfurt nutzte die Phase vor und nach der Pause mit der Kälte eines Teams, das seit Monaten auf diesen Tag zuläuft. Aidan Dixon, Leo John Wolf, Sebastian Rodwell, Stella, Marcel Henn und Fabrizio Cabrera erzielten die Versuche, Stella traf eine Erhöhung und einen Straftritt. Für Neuenheim punkteten Klewinghaus mit Versuch und Erhöhung sowie Finn Schwagger per Straftritt. Die Details zeigen, dass Frankfurt sogar noch etwas liegen ließ. Das ist für die Konkurrenz keine tröstliche Nachricht.
Schmidt sagte, er sei „sehr glücklich, dass wir das Ergebnis bekommen haben, hinter dem wir die ganze Saison her waren“. Es sei der Abschluss einer „unglaublichen Saison“ gewesen. Nach den ersten Frankfurter Irritationen habe seine Mannschaft Momentum gefunden und sich zu einem „komfortablen, guten, starken Sieg“ gearbeitet. Das Verb „erarbeiten“ passt hier besser als „erspielen“. Frankfurt musste dieses Finale nicht glänzend machen, sondern kontrollieren. Und als die Ordnung wiederhergestellt war, wirkte die Partie zunehmend wie viele Frankfurter Spiele dieser Saison: Der Gegner hält an, was er kann, und irgendwann zeigt sich, dass Frankfurt mehr davon hat.
Für Neuenheim war dieses Endspiel zugleich ein Abschied. Michel nannte Paul Weiss, Felix Lammers, Luke Wakefield, William Portillo und Robert Amelung, für die es das letzte Spiel in dieser Gruppe war. Sie seien „fundamental“ gewesen für Mannschaft, Kultur und System des Vereins. „Sie zu ersetzen wird nicht einfach“, sagte Michel. Auch darin lag ein Teil der Schwere dieses Nachmittags. Ein Finale ist im deutschen Rugby ist immer auch eine Bestandsaufnahme der Kräfte, der Kader, der ehrenamtlichen Strukturen, der Wege, die Spieler über Jahre gehen, bis sie dann fehlen.
Dass dieser Rahmen in Ricklingen nicht kleiner war als das Spiel, gehört zu den erfreulichen Nachrichten. Schmidt lobte die Organisation ausdrücklich. Er habe vor der Partie gehofft, sagte er, „dass der Anlass gut wird und der Qualität eines Finals entspricht“. Das sei gelungen. Nico und sein Team, Achim und die Helfer hätten „fantastische“ Arbeit geleistet, sagte Schmidt; etwa 2500 Zuschauer seien „wirklich cool“ gewesen. Die Zahl schwankt je nach Zählweise, der Eindruck nicht: Ricklingen setzte Maßstäbe für ein deutsches Rugby-Finale. Manchmal muss man daran erinnern, dass dieses Spiel hierzulande nicht an mangelnder Leidenschaft leidet, sondern zu oft an mangelnden Bühnen und Geld.
Auch das Schiedsrichtergespann passte zu diesem Nachmittag. Joshua Jahn als Hauptschiedsrichter, Maria Latos und Paul Warman an den Linien ließen das Spiel laufen, wo es laufen konnte, und hielten es fest, wo es festgehalten werden musste. In einem Finale mit Regen, Druck und ermüdenden Körpern ist das keine Kleinigkeit. Die beste Schiedsrichterleistung ist jene, über die man nicht schreiben muss. Hier darf man es trotzdem.
Frankfurt ist damit Meister, verdient und in der Summe unangefochten. Diese Mannschaft ist mehr als ein Titelträger; sie ist derzeit der stabilste Beweis dafür, dass kontinuierliche Arbeit im deutschen Rugby noch sichtbar werden kann, wenn Trainer, Spieler und Verein dieselbe Richtung aushalten. Neuenheim wiederum fährt ohne Pokal in die Sommerpause, aber nicht ohne Bestätigung. „Diese Niederlage tut weh“, sagte Michel. „Aber ich bin überzeugt, dass unsere Spieler sehr viel aus dieser Erfahrung gelernt haben. Für viele war es das erste Bundesliga-Finale.“ Nun gehe es darum, zu ruhen, zu reflektieren, sich zu erholen und dann wieder dafür zu arbeiten, „noch einmal hierher zurückzukommen“.
So blieb am Ende ein Bild, das besser war als die bloße Ergebniszeile: Frankfurt, kurz irritiert, dann unerbittlich routiniert; Neuenheim, geschlagen, aber nicht verkleinert; Ricklingen, nass geregnet und dennoch erstaunlich festlich. Der Meister hatte anfangs nasse Hände. Er ließ die Schale trotzdem nicht fallen.

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